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Silvia Coppenrath freut sich auf die Ausstellung von Mario Wallner, die im Februar und März in der Seniorenresidenz zu sehen sein wird.

Eine Ausstellung - zwei Orte

Mario Wallner zeigt seine Fotos in Rhede vom 1.2. bis 8.3.17. (Fotos: Klaus Rühling)

Von Klaus Rühling

 

Bocholt/Rhede. Das neue Projekt des Rheder Künstlers Mario Wallner, eine Fotoausstellung zum Thema „Die Hände der Alten“, nimmt konkrete Formen an. In der Zeit vom 1. Februar 2017 bis voraussichtlich zum 8. März 2017 werden die rund 60 Fotografien zeitgleich in Bocholt und in Rhede zu sehen sein.

Dass die Ausstellung im Foyer des Rheder Rathauses zu sehen sein wird, war bereits im Frühjahr dieses Jahres klar. Mit der Bocholter Seniorenresidenz in der Schanze kommt nun ein zweiter Veranstaltungsort hinzu. „Herr Wallner ist hier im Haus ehrenamtlich tätig und das wollen wir unterstützen. Die „Models“ seiner Fotos leben ja hier im Haus und es finden sich hier auch viele Motive seiner Ausstellung wieder“, erläutert Silvia Coppenrath, die Leiterin des sozialen Dienstes in der Senioreneinrichtung, „außerdem wollen wir uns finanziell beteiligen, so dass der Auftritt der Demenzaktivistin Helga Rohra gedeckt ist“.

„Ich bin so glücklich, dass Helga Rohra bereits zum zweiten Mal ein Projekt von mir unterstützt“, sagt der Künstler Mario Wallner. Die in München lebende Helga Rohra ist bundesweite Demenzaktivistin, sie hat bereits zwei Bücher zum Thema „Demenz“ geschrieben, den Verein Trotzdemenz e.V. gegründet und wird als Gastrednerin bei der neuen Ausstellung von Wallner nach Bocholt kommen. „Wir bemühen uns im Moment um Räumlichkeiten im Kapu“, sagt Silvia Coppenrath, „das wäre ein schönes Ambiente, um der Lesung von Helga Rohra einen passenden Rahmen zu geben“. Nicht nur der Vortrag der Demenzaktivistin soll im Kapu stattfinden, zeitgleich sollen auch einige Fotos der Ausstellung im Kapu zu sehen sein. „Außerdem werden wir hier bei uns im Haus die Bilder im Cafe zeigen und es gibt ein großzügiges Treppenhaus mit vielen Möglichkeiten, die Fotos aufzuhängen. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass unsere Bewohner auch im Haus unterwegs sind, um die Ausstellung zu betrachten“, freut sich die Leiterin und ergänzt: „Ausstellungen sind eine schöne Sache, um auch Leute in die Pflegeeinrichtung reinzuholen, wir machen das ganz gerne. Bereits bei der Eröffnung unseres Hauses 2009 hatten wir eine Ausstellung einer Bocholter Künstlerin“.  

 

Tabuthemen bebildern

 

„Als Senioren- und Demenzbegleiter habe ich beruflich mit älteren Menschen zu tun“, sagt Mario Wallner, „und da ist mir aufgefallen, wie viel man tatsächlich über einen Menschen erfährt, wenn man seine Hände betrachtet. Man kann sehen, wie alt er ungefähr ist, Krankheiten lassen sich daran ablesen, ob er körperlich gearbeitet hat, wie es um seine Körperpflege bestellt ist.... solche alltäglichen Dinge eben“.

 

Projektidee

 

Von der Erkenntnis und den Beobachtungen geleitet war es nicht mehr weit bis zum neuen Projekt. Mario Wallner möchte mit seiner Ausstellung anecken. Themen wie Sexualität im Alter oder die Beschäftigung mit dem Tod sind keine Tabus. Dazu wählt der Künstler Motive wie alte Hände, die eine weibliche Brust bedecken oder Hände, die eine Urne festhalten: „Manche Motive sind gestellt, da setze ich mir die Models so hin, wie ich das haben möchte, bei anderen Motiven habe ich einfach Alltagssituationen abgebildet“. Manche Motivideen kommen auch von den Senioren selbst. Die Fotos werden am Rechner bearbeitet, um die Aussagekraft zu erhöhen.  Warum denn ausschließlich  schwarzweiße Fotografien? „In dem Moment, in dem ein Foto geknipst wird, ist es bereits Vergangenheit. Und schwarz-weiß symbolisiert für mich perfekt die Vergangenheit“, erläutert der Künstler. Den Fortgang seines Projekts kann man auf der eigenen facebook Seite (Mario Wallner) verfolgen.

 

Von der Realität eingeholt

 

Zu einem Foto erhält Mario Wallner besonders viele Reaktionen. Es ist das Motiv, das der Künstler oben auf dem Foto hält. Es zeigt eine junge schwarze Hand, die von einer alten weißen Hand ergriffen wird. „Viele Leute erinnert das an ein Kriegsfoto“, sagt der Rhedenser, „eine alte Hand, die den Krieg mitgemacht hat, ergreift eine junge Hand, die aus dem Krieg kommt, so interpretiere ich das“. Sollten von den Fotos während der Ausstellung einige verkauft werden, so will Wallner den Erlös an den Verein Trotzdemenz von Helga Rohra spenden.

 

Ursula Enders alias Märchenoma nimmt sich viel Zeit für ihre Besucher. Die 14-jährige Sina wird von Märchenoma über den Hof geführt.

Märchenoma kauft     "auf Schalke"

Neben der Märchenausstellung gehören auch zwei Schafe mit zum Hof. Die wollen mit frischen Möhren gefüttert werden. (Fotos: Rühling)

Von Klaus Rühling

 

Suderwick. „Komm mal her, mein liebes Mädchen“, sagt die Märchenoma zu Sina, „ich habe hier leckere Süßigkeiten für Dich“. Die 14-Jährige folgt der Märchenoma neugierig auf dem Fuße. „Ich kaufe regelmäßig Süßes ein, damit ich meinen kleinen Besuchern eine Freude machen kann“, schmunzelt Ursula Enders alias Märchenoma. In einem Nebenraum verwahrt die Märchenoma ihre Leckrigkeiten. Sina bekommt ein Ü-Ei, ein Lebkuchenherz und Schokolade. „Und das hier ist für die Mutti“, sagt die alte Dame und fügt einige Stückchen Mon Cheri hinzu. Sina strahlt und bedankt sich. Wöchentlich kauft die Märchenoma Leckrigkeiten ein - und nicht nur die.......

In schwarzer Schrift auf weißem Untergrund steht „Zur Märchen-Oma“ auf dem Hinweisschild. Und wer am Hof mit seinen rund 30 nachgestellten Märchen ankommt, der taucht ein in die Welt von Rotkäppchen, Aschenputtel, Frau Holle und Rapunzel.

Blickfang am Haupthaus ist ein etwa zwei Meter großer Esel mit braunem Schwanz und grauen Ohren. Auf dem Rücken trägt er eine gemusterte Decke. Weitere Märchenfiguren stehen im Vorgarten. In kleinen Holzhäuschen werden die markantesten Szenen der jeweiligen Märchen dargestellt. Und die Märchenoma hat sie alle selbst gestaltet.

 

Krankheit führt ins Münsterland

 

Liebevoll ist jedes Märchen mit den dazugehörigen Hauptfiguren in Szene gesetzt. Im Wald wartet der böse Wolf auf Rotkäppchen, Aschenputtel liest mit Hilfe der Tauben die Linsen vom Boden auf und Gretel zittert vor der bösen Hexe. „Angefangen hat alles damit, dass ich krank geworden bin“, erzählt die Märchenoma. Die im thüringischen Saalburg aufgewachsene junge Frau musste bereits mit 15 Jahren am Hochofen schwere körperliche Arbeit verrichten. Und auch der harte Job unter Tage für 18 lange Jahre hat seine Spuren hinterlassen. Ursula Enders bekam eine Staublunge. Dem Rat ihrer Ärzte folgend zog sie ins schöne Münsterland und als sie ihr neues Zuhause in Suderwick das erste Mal sah, entfuhr es ihr: „Da passt auch ein Märchengarten hin!“ Es blieb nicht nur bei der Idee. In offiziellen Stadtführern ist nachzulesen: „Puppen- und Märchenliebhaber sollten in Bocholt unbedingt einmal die Märchen-Oma in Suderwick bei Bocholt besuchen.“

 

Anstrengende Tage

 

Doch die Ausstellung bedeutet sehr viel Arbeit. Fast täglich müssen die Kleider der Figuren repariert und neu dekoriert werden. „Wenn die Figuren dreckig sind oder vernachlässigt aussehen, dann will sie keiner mehr sehen“, lautet Märchenomas nicht ganz unbegründete Sorge. Und so fährt sie mit Lebensgefährte Dieter Witter einmal wöchentlich nach Gelsenkirchen und kauft „auf Schalke“ neue Kleiderstoffe. „Es gibt da einen Händler, zu dem komme ich schon seitzig Jahren, der macht mir immer einen guten Preis“, schmunzelt  die Märchenoma. Die Instandhaltung der Märchen kostet Kraft, Zeit und Geld. „ Ich stehe morgens um halb sechs auf, um halb sieben sitze ich an der Nähmaschine, nachmittags kommen die Besuchergruppen, um halb neun am Abend gehe ich ins Bett, dann bin ich wirklich müde“. Bei ihren Führungen bekommen die Besucher zu jedem der Märchen die dazugehörige Geschichte erzählt. „Da muss ich höllisch aufpassen“, erzählt Märchenoma, „gerade die Jüngeren kennen die Geschichten bis ins Detail. Wenn ich eins der sieben Geißlein vergesse oder andere Kleinigkeiten stimmen nicht, das merken die Kinder sofort“.

 

Geburtstag und Ehrungen

 

Man mag es nicht glauben, wenn man sieht, was die Märchenoma alles schafft, aber die rüstige Dame wird im September 90 Jahre alt. Dann bekommt sie auch Besuch von Bocholts Bürgermeister. Der lässt im Vorfeld fragen, über welches Präsent sie sich denn freue: Wählen darf die Märchenoma zwischen einem Wandteller, den Bocholter Stadttalern oder einem Präsentkorb. „Ich habe neben der Bocholter Stadtplakette auch schon das Bundesverdienstkreuz erhalten“, erinnert sich die Märchenoma, „am Geburtstag werde ich den Präsentkorb wählen“. Von bösen Menschen ist Märchenoma bisher verschont geblieben. Und damit das so bleibt, sorgt die Videoüberwachung des Anwesens für Sicherheit.

 

Aus Freude am Geben

 

Die Märchenoma bietet ihre Ausstellung und die Führungen kostenlos an. Sie freut sich, wenn die Besucher eine kleine Spende geben. Die Kleiderstoffe sind teuer und die Süßigkeiten wollen bezahlt werden.
Bleibt die Frage, warum sich die Märchenoma die viele Arbeit noch antut? „Ich selbst hatte überhaupt keine schöne Kindheit - ganz im Gegenteil“, sagt sie, „mein Traum war es immer, den Kindern etwas zu geben, was ich selbst nie hatte“.

Lust auf Leben - Auf Stippvisite bei den „Helden im Alltag“, so lautet der Titel unserer Sonderbeilage, die heute Teil Ihrer Report-Ausgabe ist. Wer ist eigentlich ein „Held“? Die Report-Redaktion ist in den vergangenen Wochen dieser Frage nachgegangen und hat dabei spannende Menschen kennengelernt - und auch überrascht. Viel Spaß beim Lesen & Erleben und in diesem Sinne Ihnen frohe Pfingsttage!

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